Europa nutzt KI massiv – und schenkt die Daten trotzdem den Amerikanern
133 Millionen aktive KI-Nutzer:innen gibt es einer aktuellen Analyse zufolge bereits in Europa – fast doppelt so viele wie in den USA. Aber: Mehr als 90 Prozent davon nutzen Software und KI-Modelle aus den USA und stärken damit mit jedem Prompt die KI-Systeme aus Übersee.
Das ist das Paradox, auf dem eustella sein gesamtes Geschäftsmodell aufbaut. Und ehrlich gesagt: Es ist ein echtes Paradox, das mich schon länger beschäftigt. Wir reden in Europa ausgiebig über DSGVO und digitale Souveränität – und öffnen gleichzeitig fleißig ChatGPT & Co. auf unseren Handys. Das Wiener Startup eustella will genau das ändern. Ob es das schafft, ist eine andere Frage – und die stellen wir uns hier ganz offen.
Was ist eustella?
eustella versteht sich als europäischer persönlicher KI-Agent – gebaut für Smartphones, betrieben mit Open-Source-Modellen und konzipiert so, dass alle Daten in der EU bleiben.
Der entscheidende Unterschied zu einem simplen Chatbot: eustella ist eine agentische KI-Plattform – sie antwortet nicht nur, sie handelt. Sie erledigt Aufgaben, verbindet sich mit deinen liebsten Apps und arbeitet proaktiv in deinem Auftrag. Den Kalender managen, Mails zusammenfassen, eine Playlist erstellen, Informationen recherchieren – alles eigenständig, alles auf europäischen Servern.
Stand Mai 2026 befindet sich eustella in einer Closed Beta, die mittlerweile geschlossen ist – über 2.000 Nutzer:innen testen die App. Feedback läuft über interne WhatsApp-Gruppen, in denen das Team aktiv mitliest und auf Rückmeldungen eingeht. Wer die öffentliche Version nicht verpassen will, kann sich auf eustella.com für den Newsletter anmelden.
Woher kommt eustella?
eustella wird von AI Newsrooms Technology GmbH gebaut, einem Wiener KI-Startup, das von den österreichischen Business Angels Hansi Hansmann und Hermann Futter unterstützt wird. Das Gründerteam besteht aus Matteo Rosoli (CEO), Bastian Kellhofer, Alexander Maitz und Jakob Steinschaden.
Welche KI-Modelle stecken hinter eustella?
Hier wird es interessant – und hier ist eustella ehrlicher als so mancher Mitbewerber.
eustella setzt auf einen Mix aus Open-Source- und Open-Weight-Modellen, alle auf europäischer Infrastruktur gehostet:
- Qwen 3.5 – das primäre Sprachmodell, entwickelt von Alibaba Cloud, stark in mehrsprachiger Verarbeitung
- Gemma 4 – von Google DeepMind, eingesetzt für schnelle, leichtgewichtige Aufgaben
- GPT-120B OSS – ein vollständig Open-Source-Modell ohne API-Abhängigkeit, für komplexe Langzeitkontexte
- Mistral-Modelle – aus dem Pariser KI-Labor, besonders stark in europäischen Sprachen
- Whisper – Open-Source-Spracherkennung für alle acht unterstützten Sprachen
Moment – Qwen kommt aus China, Gemma von Google. Ist das noch „europäisch“?
eustellas Antwort darauf ist klar und ich finde sie überzeugend: Die eigentliche Frage ist nicht, woher ein Modell stammt – sondern wer es kontrolliert. Ein geschlossenes Modell, das über eine US-amerikanische API abgefragt wird, schickt jeden Request außerhalb Europas. Ein Open-Weight-Modell, gehostet in Europa, bleibt unter europäischer Kontrolle. Es kann auditiert, angepasst und notfalls abgeschaltet werden. Geschlossene Modelle erfordern blindes Vertrauen – Open-Weight-Modelle ermöglichen Überprüfung.
eustella vergleicht das selbst mit der Energiepolitik: Europa verfolgt Unabhängigkeit mithilfe von Solarpanelen, die anderswo hergestellt wurden. Souveränität ist eine Frage der Kontrolle, nicht der Herkunft.
Das interessante Paradox: Souveränität ohne Abschottung
eustella hat einen Artikel dazu geschrieben, der das Thema aus einer anderen Perspektive beleuchtet.
„Souveränität bedeutet nicht, alles selbst zu machen. Sie bedeutet, selbst zu entscheiden, was man nutzt, wie man es nutzt und unter welchen Bedingungen. Autarkie hingegen ist der Versuch, sich vom Rest der Welt abzukoppeln – ein Projekt, das wirtschaftlich selten funktioniert und technologisch in Sackgassen führt.
Die eigentliche Frage lautet: Wer kontrolliert den Zugang, die Daten, den Code? Wer kann abschalten, anpassen, auditieren? Wenn die Antwort auf all diese Fragen „der europäische Nutzer“ lautet, dann ist das Souveränität – egal, welches Modell im Hintergrund gerade rechnet.“
Was kann eustella – und was (noch) nicht?
eustella ist noch in der Beta – aber was bereits steht, kann sich sehen lassen. Ein Überblick über das, was die App heute schon mitbringt:
- Mobile-First: Claude, ChatGPT und Copilot sind stark auf Desktop ausgerichtet. eustella setzt darauf, dort zu sein, wo die meisten Menschen sind – in der Hosentasche und am Handgelenk. Das ist ein echter strategischer Unterschied.
- Kein Modell-Training mit deinen Daten: Gespräche, Dokumente und persönliche Informationen werden nie zur Modellverbesserung genutzt.
- Keine Militärpartnerschaften: eustella wird im neutralen Österreich gebaut, Server stehen quer durch Europa – keine Deals mit Militärs oder Massenüberwachern.
- 8 europäische Sprachen: Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch und Polnisch.
Vorgefertigte Agenten

eustella kommt nicht als leere Chatbox – die App bringt bereits eine Reihe spezialisierter Agenten mit, die sofort einsatzbereit sind.
Im Productivity-Bereich findest du etwa einen Deep Research Agent (mehrstufige Recherche, die einen Bericht erstellt), einen Learning Companion (kompakte Lerneinheiten zu einem Thema), einen Morning News Briefer (tägliche Zusammenfassung mit Wetter und relevanten News) sowie eine Watchlist, die Unternehmen, Personen oder Themen im Blick behält und über relevante Änderungen informiert.
Im Lifestyle-Bereich gibt es einen Music Finder, einen Trip Planner für mehrstufige Reiseplanung und einen Weekend Planner. Viele davon lassen sich auch als wiederkehrende Aufgabe planen – das geht über die „Schedulable“-Funktion direkt in der App.
Meine persönliche Einschätzung als Beta-Tester:in:
eustella macht insgesamt einen sehr souveränen Eindruck. Das Interface ist klar, das Versprechen spürbar. Was mir fehlt, ist eine Browser-Version – viele alltägliche Aufgaben lassen sich am Desktop schlicht effizienter erledigen, und eine reine Smartphone-App schließt diese Nutzungsszenarien aus. Ich wünsche mir das für eine künftige Version.
Was die Beta selbst betrifft: Halluzinationen kommen gelegentlich vor, und die App verirrt sich manchmal zeitlich – liefert also Kontextangaben, die nicht ganz im Jahr 2026 ankommen. Das ist bei einer Beta verständlich, muss aber vor dem öffentlichen Launch sauber sein. Positiv anzumerken: In der WhatsApp-Gruppe der Beta-Tester:innen ist bereits viel Feedback zusammengekommen – und das Team geht sichtbar darauf ein. Das ist kein Selbstverständlichkeit und macht einen guten Eindruck.
Der Wettbewerb: Was macht Europa sonst noch?
eustella ist nicht das einzige Projekt, das europäische KI-Souveränität verspricht. Aber der Markt ist gerade stark in Bewegung.
Aleph Alpha / Cohere: Aleph Alpha aus Heidelberg galt lange als die große deutsche KI-Hoffnung. Im April 2026 wurde bekannt, dass das kanadische KI-Unternehmen Cohere Aleph Alpha übernimmt.
Mistral / Le Chat: Das Pariser Startup gilt als technologisch stärkstes europäisches KI-Labor und hat mit Le Chat auch ein eigenes Consumer-Produkt. Allerdings wurden im April 2026 Berichte bekannt, laut denen xAI (Elon Musks KI-Unternehmen) Gespräche über eine Partnerschaft mit Mistral geführt haben soll – gemeinsam mit dem Code-Editor-Startup Cursor. Mistral und xAI haben diese Berichte bislang weder bestätigt noch dementiert. Falls daraus etwas wird, würde das Mistrals Positionierung als unabhängige europäische Alternative erheblich komplizieren.
eustella besetzt eine spezifische Nische – mobiler, agentischer KI-Assistent für Endnutzer:innen, konsequent europäisch positioniert und DSGVO-konform. Diese Kombination gibt es so in Europa kein zweites Mal. Das ist die Chance.




